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Forschung

Die wissenschaftliche Arbeit von Neuro-Divers baut auf der Dissertation von Dr. Binder-Kita auf. Sie bildet einen Ausgangspunkt und eine Grundlage für die weitere Forschung, Publikation und fachliche Auseinandersetzung des Instituts.

Diese Arbeit wiederum steht auf den Schultern jener, die das Feld der Neurodiversität, der Autismusforschung und der neuroaffirmativen Praxis maßgeblich mitgeprägt haben. Dazu gehören unter anderem Ruth Strunz, Steph Jones, Tony Attwood, Carol Gray und Damian Milton. Ihre Forschung, Konzepte und Perspektiven bilden wichtige Bezugspunkte für unsere eigene Arbeit und deren Weiterentwicklung.


Reframing Psychotherapy for Autistic Adults

Gestalt Therapy and Neuro-Affirmative Practice in Dialogue

Dissertation von Dr. Anna Binder-Kita

Doktorat der Psychotherapiewissenschaft, Sigmund Freud PrivatUniversität Wien

Die Dissertation beschäftigte sich mit der psychotherapeutischen Begleitung autistischer Erwachsener, insbesondere von Menschen, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wurden. Im Zentrum steht die Frage, wie Psychotherapie für diese Personengruppe neuroaffirmativer, zugänglicher und passender gestaltet werden kann.

Die Arbeit setzte neuroaffirmative Psychotherapie und Integrative Gestalttherapie in einen wissenschaftlichen Dialog und untersuchte, welche Elemente der Gestalttherapie sich besonders gut mit einer neuroaffirmativen Perspektive verbinden lassen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der therapeutischen Beziehung, dem Double Empathy Problem, Masking und Unmasking sowie der Frage, wie psychotherapeutische Konzepte an die Bedürfnisse neurodivergenter Klient angepasst werden können.

Abstract

Die Dissertation untersuchte die psychotherapeutische Behandlung autistischer Erwachsener, mit einem besonderen Fokus auf Menschen, die erst im späteren Lebensalter eine Autismusdiagnose erhielten.

Dazu wurden der noch junge Ansatz der neurodiversitätsaffirmierenden Psychotherapie und die etablierte psychotherapeutische Methode der Gestalttherapie miteinander verglichen und in einen wissenschaftlichen Dialog gebracht. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Psychotherapie für autistische Erwachsene vielfach weiterhin auf die Reduktion oder Kompensation autistischer Merkmale und eine Annäherung an neurotypisches Funktionieren ausgerichtet war.

Die Arbeit untersuchte daher die aktuelle Literatur zu später Autismusdiagnostik, Zugangsbarrieren zur psychotherapeutischen Versorgung und relationalen Herausforderungen in der Psychotherapie. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sich aus der Gestalttherapie unter Einbeziehung neuroaffirmativer Perspektiven ein theoretischer Rahmen für eine neuroaffirmative psychotherapeutische Praxis entwickeln ließ.

Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der therapeutischen Beziehung, dem Double Empathy Problem, sensorischer und interozeptiver Wahrnehmung, Masking und Unmasking sowie zentralen Prinzipien der Gestalttherapie. Die Arbeit zeigte, dass insbesondere die phänomenologische Haltung, die dialogische Beziehungsgestaltung, die Arbeit mit sensorischer und interozeptiver Wahrnehmung sowie die Orientierung am Kontaktprozess gute Voraussetzungen boten, um neuroaffirmative Perspektiven in die Psychotherapie zu integrieren.

Die Dissertation war eine theoretische Arbeit, die durch klinische Erfahrungen der Autorin als Psychotherapiewissenschafterin und Gestalttherapeutin ergänzt wurde. Ziel der Arbeit war es, einen theoretisch fundierten Rahmen für eine ethische, zugängliche und neuroaffirmative psychotherapeutische Praxis zu entwickeln. 

Keywords

Neurodiversitätsaffirmierende Psychotherapie · Gestalttherapie · spät diagnostizierter Autismus · sensorische Verarbeitung und Regulation · therapeutische Beziehung · Unmasking und Authentizität · Gestalt-Kontaktzyklus


Die Dissertation in einfachen Worten

Was passierte, wenn eine Psychotherapie, die ursprünglich für eine überwiegend neurotypische Bevölkerung entwickelt worden war, auf Menschen traf, deren Wahrnehmung, Kommunikation und Beziehungsgestaltung sich grundlegend unterscheiden konnten?

Genau mit dieser Frage beschäftigte sich die Dissertation.

Viele autistische Erwachsene, insbesondere Menschen, die erst spät diagnostiziert wurden, hatten bereits viele Jahre Psychotherapie hinter sich, bevor ihre Autismusdiagnose gestellt wurde. Ihre Schwierigkeiten waren dabei möglicherweise als Depression, Angst, Persönlichkeitsprobleme, soziale Unsicherheit oder andere psychische Problematiken verstanden worden. Gleichzeitig hatten viele gelernt, ihre autistischen Merkmale im Alltag zu verbergen oder zu kompensieren.

Die Dissertation fragte deshalb nicht nur:

„Wie können wir autistische Menschen psychotherapeutisch behandeln?“

Sondern auch:

„Wie muss Psychotherapie selbst verändert oder erweitert werden, damit sie autistische Menschen wirklich erreicht?“

Was wurde untersucht?

Die Arbeit verband zwei Perspektiven:

Gestalttherapie: Eine humanistische und phänomenologische Psychotherapie, die der therapeutischen Beziehung, dem unmittelbaren Erleben, der Wahrnehmung und dem Kontakt zwischen Menschen eine zentrale Bedeutung gab.

Neuroaffirmative Psychotherapie: Ein Ansatz, der Neurodivergenz nicht primär als Defizit betrachtete, sondern individuelle Wahrnehmungs- und Funktionsweisen neurodivergenter Menschen ernst nahm und psychotherapeutische Prozesse entsprechend anpasste.

Die zentrale Frage war, welche Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Perspektiven bestanden und wie Gestalttherapie durch neuroaffirmative Erkenntnisse weiterentwickelt werden konnte. 

Was bedeutete das für die therapeutische Beziehung?

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit lag auf der Frage, wie Verstehen zwischen Therapeut:in und Klient:in entstand.

Das sogenannte Double Empathy Problem wies darauf hin, dass Schwierigkeiten im gegenseitigen Verständnis nicht ausschließlich auf eine vermeintliche soziale oder kommunikative „Defizitstruktur“ autistischer Menschen zurückgeführt werden konnten. Missverständnisse konnten vielmehr zwischen unterschiedlichen neurokognitiven Perspektiven entstehen.

Für die Psychotherapie bedeutete das: Nicht nur die Klient:in musste lernen, besser verstanden zu werden oder sich verständlicher auszudrücken. Auch die Therapeut:in musste bereit sein, die eigene Wahrnehmung und die eigenen Interpretationen zu hinterfragen.

Und was hatte das mit Masking zu tun?

Viele autistische Menschen entwickelten im Laufe ihres Lebens Strategien, um ihre Neurodivergenz in sozialen Situationen weniger sichtbar zu machen. Dazu gehörten beispielsweise das bewusste Nachahmen sozialer Verhaltensweisen, das Unterdrücken von Stimming oder das kontinuierliche Beobachten und Anpassen des eigenen Verhaltens.

Diese Anpassungsleistungen konnten kurzfristig hilfreich sein, langfristig aber auch mit erheblicher Erschöpfung und psychischer Belastung verbunden sein.

Die Dissertation beschäftigte sich deshalb auch mit Masking und Unmasking und mit der Frage, welche Rolle Psychotherapie dabei spielen konnte, Menschen nicht noch stärker zur Anpassung zu bewegen, sondern ihnen einen Raum für ein authentischeres Selbstverständnis zu eröffnen.

Was bedeutete das für die Praxis?

Die Arbeit verstand neuroaffirmative Psychotherapie nicht als eine völlig neue psychotherapeutische Methode.

Vielmehr zeigte sie auf, dass bestehende psychotherapeutische Konzepte weiterentwickelt werden konnten, wenn neurodivergente Lebensrealitäten konsequent mitgedacht wurden.

Für die Gestalttherapie ergaben sich dabei insbesondere Anknüpfungspunkte in der phänomenologischen Haltung, der dialogischen Beziehungsgestaltung, der Arbeit mit Körper, Sinneswahrnehmung und Interozeption sowie im Verständnis des Kontaktprozesses.

Die Dissertation verstand sich damit als Beitrag zu einer Psychotherapie, die nicht fragte, wie Menschen möglichst erfolgreich an eine vermeintliche Norm angepasst werden konnten, sondern wie therapeutische Räume geschaffen werden konnten, in denen unterschiedliche Arten des Wahrnehmens, Denkens, Kommunizierens und Seins tatsächlich Platz hatten.

Von der Forschung in die Praxis

Die Arbeit bildete zugleich eine Grundlage für die weitere Lehr-, Vortrags- und Weiterbildungstätigkeit von Dr. Anna Binder-Kita. Inhalte und Ergebnisse der Dissertation wurden bereits in internationale Kongressbeiträge, universitäre Vorträge sowie Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen integriert. 

Zur Dissertation im Forschungsportal der Sigmund Freud PrivatUniversität: Reframing Psychotherapy for Autistic Adults – SFU Research Portal