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Weitere neurodivergente Profile

Neurodiversität umfasst weit mehr als Autismus und ADHS. Unterschiedliche neurologische Entwicklungs- und Wahrnehmungsprofile können sich auf sehr unterschiedliche Weise zeigen und miteinander auftreten. Manche sind diagnostisch klar definiert, andere beschreiben Profile oder Erfahrungsweisen, die wissenschaftlich unterschiedlich gut untersucht und teilweise kontrovers diskutiert werden.

PDA – Pathological Demand Avoidance

PDA steht für Pathological Demand Avoidance (oder nicht-klinisch, aber geläufiger Pervasive Drive for Autonomy) und wird häufig als ein Profil beschrieben, bei dem ein besonders ausgeprägtes Bedürfnis nach Autonomie und eine starke Stressreaktion auf wahrgenommene Anforderungen im Vordergrund stehen. Anforderungen können dabei nicht nur als konkrete Aufforderungen erlebt werden, sondern auch durch Erwartungen, Routinen oder selbst auferlegte Verpflichtungen entstehen.

PDA wird insbesondere innerhalb der Autismusforschung und der autistischen Community diskutiert. Gleichzeitig besteht keine internationale Einigkeit darüber, ob PDA als eigenständiges Profil, als Bestandteil des Autismus-Spektrums oder als Beschreibung bestimmter Verhaltens- und Regulationsmuster verstanden werden sollte. Auch die Bezeichnung pathological wird von vielen Menschen kritisch gesehen, da sie eine problemorientierte Perspektive nahelegt.

Ein neuroaffirmativer Zugang versucht deshalb, hinter der sichtbaren Vermeidung die zugrunde liegende Regulation von Stress, Autonomie und Sicherheit zu verstehen. Was von außen wie „Verweigerung“ erscheinen kann, kann beispielsweise eine Reaktion auf Überforderung, Kontrollverlust oder einen als zu hoch erlebten inneren Druck sein.


Legasthenie

Legasthenie, auch "Lese-Rechtschreibstörung" genannt, bezeichnet anhaltende und deutlich ausgeprägte Schwierigkeiten beim Erwerb und der Automatisierung von Lesen und Rechtschreiben. Betroffen sein können unter anderem die Laut-Buchstaben-Zuordnung, die Leseflüssigkeit, das Erkennen und Verarbeiten von Wörtern sowie die Rechtschreibung.

Legasthenie ist keine Frage von Intelligenz, Motivation oder mangelnder Anstrengung. Menschen mit Legasthenie können über sehr gute sprachliche, intellektuelle oder andere kognitive Fähigkeiten verfügen und gleichzeitig beim Lesen und Schreiben einen deutlich höheren Aufwand benötigen.

Die Auswirkungen können weit über schulische Anforderungen hinausreichen. Längere Texte zu lesen, schriftliche Informationen schnell zu verarbeiten oder fehlerfrei zu schreiben kann auch im Erwachsenenalter mehr Zeit und Energie beanspruchen. Unterstützende Rahmenbedingungen und geeignete Strategien können dabei einen wesentlichen Unterschied machen.


Dyskalkulie

Dyskalkulie, auch "Rechenstörung" genannt, bezeichnet anhaltende und deutlich ausgeprägte Schwierigkeiten beim Erwerb und der Anwendung mathematischer Kompetenzen. Betroffen sein können beispielsweise das Verständnis von Mengen und Zahlen, das Erfassen numerischer Zusammenhänge, das Rechnen oder der Umgang mit mathematischen Symbolen.

Dyskalkulie gehört zu den spezifischen Lernstörungen und kann, wie auch andere neurodivergente Profile, unabhängig von allgemeiner Intelligenz auftreten. Schwierigkeiten im mathematischen Bereich sind daher nicht mit mangelnder Begabung oder fehlender Anstrengung gleichzusetzen.

Wie andere Formen neurologischer Diversität kann Dyskalkulie unterschiedliche Auswirkungen auf den Alltag haben. Zeitangaben, Geld, Mengen, Orientierung oder alltägliche Rechenanforderungen können beispielsweise mit einem erhöhten kognitiven Aufwand verbunden sein.


Hochsensibilität und sensorische Sensitivität

Der Begriff Hochsensibilität beziehungsweise Highly Sensitive Person (HSP) wird verwendet, um Menschen zu beschreiben, die Reize besonders intensiv oder differenziert wahrnehmen und verarbeiten. Dazu können beispielsweise eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Gerüchen, Berührungen oder sozialen Reizen gehören.

Gleichzeitig nimmt Hochsensibilität innerhalb der wissenschaftlichen und klinischen Diskussion eine besondere Stellung ein. Sie ist keine eigenständige psychiatrische oder neurologische Diagnose. Das Konzept der sensory processing sensitivity wurde insbesondere durch die Psychologin Elaine Aron geprägt und wird wissenschaftlich untersucht, seine Abgrenzung zu anderen Phänomenen und sein Verhältnis zu bestehenden diagnostischen Kategorien sind jedoch weiterhin Gegenstand von Diskussionen.

Insbesondere sensorische Sensitivität ist auch bei Autismus und ADHS häufig zu beobachten. Eine hohe Reizempfindlichkeit allein bedeutet jedoch nicht, dass eine Person autistisch oder ADHS hat. Umgekehrt kann sensorische Sensitivität bei neurodivergenten Menschen ein wesentlicher Bestandteil ihrer individuellen Wahrnehmung sein.

Für eine neuroaffirmative Perspektive ist daher weniger entscheidend, welchem Etikett eine bestimmte Erfahrung zugeordnet wird. Wichtig ist zunächst, die Erfahrung selbst ernst zu nehmen und zu verstehen, welche Bedingungen einer Person helfen, Reize zu regulieren und sich in ihrer Umwelt sicher und wohl zu fühlen.


Vielfalt statt Schubladen

Die genannten Profile zeigen, dass Neurodiversität kein starres System von Kategorien ist. Menschen können Merkmale verschiedener Neurotypen und Profile aufweisen, und diese können sich gegenseitig beeinflussen. Gleichzeitig unterscheiden sich wissenschaftlich etablierte Diagnosen, beschreibende Profile und populärwissenschaftliche Konzepte in ihrem Evidenzstand und ihrer diagnostischen Bedeutung.

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Neurodiversität bedeutet deshalb auch, diese Unterschiede sichtbar zu machen: Begriffe können hilfreich sein, um Erfahrungen zu verstehen und Sprache für sie zu finden. Sie sollten jedoch nicht dazu führen, Menschen auf ein bestimmtes Profil zu reduzieren.