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Was ist Autismus?

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsvariante, die insbesondere die Wahrnehmung, Kommunikation, soziale Interaktion und Verarbeitung von Informationen beeinflussen kann. Autistische Menschen können sich beispielsweise in der Verarbeitung sensorischer Reize, in ihrer Kommunikation, in der Gestaltung sozialer Beziehungen oder in der Art, wie sie Interessen und Aktivitäten verfolgen, von nicht-autistischen Menschen unterscheiden.

Autismus ist ausgesprochen vielfältig. Es gibt nicht die eine Form, autistisch zu sein. Fähigkeiten, Bedürfnisse, Kommunikationsformen und Unterstützungsbedarfe können sich von Person zu Person stark unterscheiden und sich im Laufe des Lebens verändern.

Auch die Vorstellung, Autismus ließe sich anhand einer einfachen Skala von „leicht“ bis „schwer“ beschreiben, wird dieser Vielfalt nicht gerecht. Ein Mensch kann beispielsweise über eine sehr differenzierte Sprache und hohe kognitive Fähigkeiten verfügen und gleichzeitig erhebliche sensorische oder soziale Unterstützungsbedarfe haben. Ein anderer Mensch benötigt möglicherweise umfassende Unterstützung in Kommunikation und Alltagsorganisation und verfügt gleichzeitig über ausgeprägte Fähigkeiten in anderen Bereichen.

Autismus und Diagnostik

Das klassische Bild von Autismus war lange Zeit stark von stereotypen Vorstellungen geprägt. Im Zentrum standen vor allem sichtbare Verhaltensweisen: wenig oder kein Blickkontakt, auffällige repetitive Bewegungen, ausgeprägte Spezialinteressen oder deutliche Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion.

Diese Merkmale können selbstverständlich Teil autistischer Erfahrung sein. Sie bilden jedoch nicht das gesamte Spektrum ab.

Autismus betrifft auch die Art, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und verarbeiten. Sensorische Reize können beispielsweise besonders intensiv oder ungewöhnlich verarbeitet werden. Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche oder bestimmte Materialien können als angenehm, neutral oder überwältigend erlebt werden. Auch Interozeption, also die Wahrnehmung innerer Körpersignale, kann verändert sein.

Viele autistische Menschen beschreiben außerdem ein besonderes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, Klarheit und Konsistenz. Veränderungen, unklare Erwartungen oder widersprüchliche soziale Regeln können erheblichen Stress verursachen. Gleichzeitig können intensive Interessen, eine besondere Detailwahrnehmung, tiefgehende Wissensgebiete und eine hohe Sensibilität für Muster wichtige Ressourcen darstellen.

Eine neuroaffirmative Perspektive versucht dabei nicht, Autismus in „Stärken“ und „Schwächen“ aufzuteilen. Auch Fähigkeiten können mit besonderen Bedürfnissen verbunden sein, und vermeintliche Stärken können unter bestimmten Bedingungen zur Belastung werden. Entscheidend ist die individuelle Person in ihrer jeweiligen Umwelt.


Masking und Camouflaging

Ein wichtiger Begriff für das Verständnis vieler spät diagnostizierter autistischer Menschen ist Masking oder Camouflaging. Gemeint sind bewusste oder unbewusste Strategien, mit denen autistische Merkmale verborgen, kompensiert oder an gesellschaftliche Erwartungen angepasst werden.

Dazu können beispielsweise das bewusste Einüben von Blickkontakt und Mimik, das Beobachten und Nachahmen anderer Menschen, das Unterdrücken von Stimming oder das intensive Vorbereiten sozialer Situationen gehören. Manche Menschen entwickeln regelrechte „soziale Skripte“, um Gespräche, Smalltalk oder andere soziale Situationen vorhersehbarer zu machen.

Camouflaging kann kurzfristig helfen, sich in einer überwiegend neurotypisch gestalteten Umwelt zurechtzufinden. Gleichzeitig kann die dauerhafte Anpassung sehr viel kognitive und emotionale Energie kosten. Viele spät diagnostizierte Menschen berichten deshalb von chronischer Erschöpfung, dem Gefühl, „eine Rolle zu spielen“, oder einem starken Auseinanderfallen zwischen dem eigenen Erleben und dem Bild, das andere von ihnen haben.

Camouflaging ist dabei keineswegs auf Frauen beschränkt. Autistische Menschen aller Geschlechter können maskieren. Forschung weist jedoch darauf hin, dass insbesondere autistische Mädchen und Frauen häufiger entsprechende Kompensations- und Maskierungsstrategien einsetzen.


Autismus bei Frauen und Mädchen

Autismus wurde historisch überwiegend anhand männlicher Stichproben beschrieben und erforscht. Dadurch entstand ein Bild von Autismus, das viele autistische Mädchen und Frauen nicht wiedererkannten.

Heute gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass Mädchen und Frauen häufiger übersehen oder erst deutlich später diagnostiziert werden. Systematische Reviews zeigen unter anderem Unterschiede in der beobachtbaren Symptomatik und eine höhere Ausprägung von Camouflaging bei weiblichen Studienteilnehmerinnen. Gleichzeitig ist die Forschung vorsichtig damit, daraus einen einzigen, klar abgrenzbaren „weiblichen Autismus“ abzuleiten.

Bei Mädchen können autistische Merkmale beispielsweise weniger auffällig nach außen treten. Soziale Beobachtung und Nachahmung können dazu beitragen, dass Mädchen früh lernen, Erwartungen an soziale Kommunikation zu erfüllen. Auch Interessen können von außen weniger stereotyp autistisch erscheinen, obwohl sie mit vergleichbarer Intensität und Bedeutung erlebt werden.

Hinzu kommt, dass Schwierigkeiten häufig zunächst anderen Erklärungen zugeschrieben werden. Angst, Depression, Essstörungen, soziale Unsicherheit, Perfektionismus oder eine vermeintlich „zu hohe Sensibilität“ können im Vordergrund stehen, während die zugrunde liegende Neurodivergenz unerkannt bleibt.

Die Folge kann eine jahrelange Anpassung an eine Umwelt sein, die die eigenen Bedürfnisse nicht berücksichtigt. Für viele Frauen führt erst die spätere Auseinandersetzung mit Autismus dazu, frühere Erfahrungen neu einordnen zu können.

Die Forschung zur Diagnostik von Mädchen und Frauen entwickelt sich weiter. Ein zeitgemäßes diagnostisches Verständnis berücksichtigt deshalb nicht nur das aktuell beobachtbare Verhalten, sondern auch Entwicklungsverlauf, subjektives Erleben, kompensatorische Strategien und die Frage, welche Anstrengungen hinter scheinbar unauffälligem Verhalten stehen.


Autismus, Geschlecht und LGBTQIA+

Autismus existiert unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Gleichzeitig zeigen Forschung und klinische Erfahrung, dass neurodivergente Menschen überdurchschnittlich häufig auch außerhalb heteronormativer und binärer Geschlechter- und Beziehungsvorstellungen leben.

Insbesondere bei autistischen Menschen finden sich erhöhte Raten von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Auch die Überschneidung von Autismus und trans Identität wurde in zahlreichen Studien untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2023 identifizierte 77 Arbeiten zur gemeinsamen Betrachtung von Autismus und Transidentität und betonte zugleich, dass die Forschung in diesem Bereich noch zahlreiche offene Fragen aufweist.

Für eine neuroaffirmative Perspektive ist dabei entscheidend, diese Überschneidung nicht selbst zu pathologisieren. Autismus verursacht keine bestimmte sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität. Ebenso ist eine trans Identität kein Symptom von Autismus.

Vielmehr können sich verschiedene Aspekte der eigenen Identität gegenseitig beeinflussen. Manche autistische Menschen berichten beispielsweise, dass die intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen dazu geführt hat, Geschlechterrollen besonders kritisch zu hinterfragen. Andere erleben einen Zusammenhang zwischen Masking, sozialer Anpassung und der Frage, welche Teile der eigenen Identität tatsächlich selbstbestimmt sind.

Gleichzeitig können Menschen, die mehreren marginalisierten Gruppen angehören, besonderen Barrieren begegnen. Diagnostische Vorurteile, mangelnde Zugänglichkeit von Gesundheitsversorgung und die Erwartung, sich an normierte Kommunikations- und Verhaltensweisen anzupassen, können sich gegenseitig verstärken.

Eine neuroaffirmative und intersektionale Perspektive bedeutet daher, Autismus nicht isoliert von Geschlecht, Sexualität, Körper, sozialem Status und anderen Lebensrealitäten zu betrachten.


Stimmen aus der Autismusforschung und Autistic Community

Das Verständnis von Autismus hat sich nicht allein durch klinische Forschung verändert. Einen wesentlichen Beitrag leisten autistische Forscher, Autor, Aktivist und Wissensproduzent, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit gelebter Erfahrung verbinden und bestehende Vorstellungen kritisch hinterfragen.

Zu den häufig rezipierten Werken gehören beispielsweise:

Sarah Hendrickx – Women and Girls on the Autism SpectrumHendrickx verbindet Forschung und persönliche Erfahrungsberichte und beschäftigt sich ausführlich mit Autismus bei Mädchen und Frauen über die gesamte Lebensspanne. Die aktuelle zweite Auflage berücksichtigt unter anderem Masking, späte Diagnosen sowie trans und nicht-binäre Perspektiven.

Devon Price – Unmasking AutismPrice verbindet wissenschaftliche Literatur mit persönlicher Erfahrung und beschäftigt sich insbesondere mit Masking, internalisierten Vorstellungen von „richtigem“ autistischem Verhalten und der Frage, was es bedeutet, ein weniger angepasstes und selbstbestimmteres Leben zu führen.

Devon Price – Unmasking for LifeIn seinem neueren Werk richtet Price den Blick darauf, wie ein unmaskiertes Leben langfristig gestaltet werden kann, und verbindet dabei Selbstbestimmung, Beziehungen, Arbeit und gesellschaftliche Erwartungen.

Darüber hinaus haben zahlreiche weitere autistische Autor, Forscher und Aktivist wesentlich dazu beigetragen, die Perspektive auf Autismus zu verändern. Dazu gehören unter anderem Jim Sinclair, Ari Ne'eman, Nick Walker, Damian Milton, Monique Botha, Michelle Dawson und Steven Kapp.

Diese Stimmen stehen für unterschiedliche wissenschaftliche und persönliche Perspektiven. Sie sind nicht als einheitliche „autistische Position“ zu verstehen. Gerade die Vielfalt innerhalb der Community ist ein wichtiger Bestandteil einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Autismus.


Das Double-Empathy-Problem

Eine wichtige Veränderung im Verständnis von Autismus geht auf den britischen Autismusforscher Damian Milton zurück. In seinem 2012 veröffentlichten Beitrag On the Ontological Status of Autism: The Double Empathy Problem stellte er die bis dahin weit verbreitete Annahme infrage, soziale Verständigungsschwierigkeiten seien vor allem oder ausschließlich auf Defizite autistischer Menschen zurückzuführen.

Milton beschreibt das Double-Empathy-Problem als eine wechselseitige Schwierigkeit des Verstehens zwischen Menschen, deren Erfahrungen, Wahrnehmungsweisen und Kommunikationsformen sich erheblich unterscheiden. Missverständnisse entstehen demnach nicht nur deshalb, weil autistische Menschen Schwierigkeiten haben, die soziale Welt nicht-autistischer Menschen zu verstehen. Auch nicht-autistische Menschen können Schwierigkeiten haben, autistische Menschen zu verstehen.

Damit verschiebt sich die Perspektive: Soziale Kommunikation wird nicht mehr ausschließlich als individuelle Fähigkeit betrachtet, die eine Person entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie entsteht zwischen Menschen.

Forschung hat inzwischen Hinweise darauf geliefert, dass Menschen sich häufig leichter mit anderen Menschen verständigen und verbunden fühlen, wenn sie ähnliche kommunikative und neurokognitive Erfahrungsweisen teilen. Umgekehrt können Begegnungen zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen besonders anfällig für Missverständnisse sein. Das bedeutet nicht, dass Kommunikation zwischen unterschiedlichen Neurotypen grundsätzlich nicht möglich ist. Es bedeutet vielmehr, dass Verständigung eine gemeinsame Leistung ist und dass beide Seiten Verantwortung für deren Gelingen tragen.

Das Double-Empathy-Konzept ist deshalb auch für eine neuroaffirmative Psychotherapie von besonderer Bedeutung. Wenn beispielsweise eine autistische Person Schwierigkeiten in einer therapeutischen Beziehung erlebt, stellt sich nicht nur die Frage, welche „sozialen Defizite“ die Person mitbringt. Ebenso wichtig ist die Frage, wie die Therapeut kommuniziert, welche impliziten Erwartungen bestehen, welche Reize und sozialen Anforderungen die Situation enthält und ob beide Seiten ausreichend Möglichkeiten haben, die Perspektive der jeweils anderen Person zu verstehen.

Der Double-Empathy-Ansatz bedeutet dabei nicht, individuelle Schwierigkeiten zu leugnen oder jede Kommunikationsproblematik ausschließlich der Umwelt zuzuschreiben. Er erweitert vielmehr die Perspektive: Nicht nur die Person muss verstanden werden. Auch die Beziehung und die Bedingungen, unter denen Verständigung stattfindet, müssen betrachtet werden.

Für die Entwicklung neuroaffirmativer Praxis ist dieser Perspektivwechsel von zentraler Bedeutung. Er ermöglicht es, Autismus nicht ausschließlich als individuelles Defizit zu betrachten, sondern auch als eine Form neurologischer Differenz, die in der Begegnung mit anderen Neurotypen unterschiedliche Formen von Verständigung, Anpassung und Missverständnis hervorbringen kann.